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Der Ursprung

Prag, die Wiege des Weltbundes Allschlaraffia
Veröffentlicht in der Prager Volkszeitung am 23. 9. 1994

Der Weltbund Schlaraffia wurde im Jahre 1859 von Künstlern des Deutschen Theaters in Prag gegründet und ist mit der Prager Geschichte eng verknüpft. So entstand vor 135 Jahren (Anmerkung: heute, 1997, seit 138 Jahren) in Prag ein Künstlerklub, der sich aus Opposition gegen die dort tonangebende Gesellschaft Arkadia den herausfordernden Namen Proletarierklub zugelegt hatte. Dies war die Geburtsstunde der Allschlaraffia. Heute verehren wir dieses erste Reych als unsere Allmutter Praga. Daß dieses kleine Feuer, das damals durch gleichgesinnte Freunde entfacht wurde, in humorvollem Trotz zunächst vielleicht einer noch unbestimmten Idee und Vorstellung folgend, ehe sie festumrissenen Formen annahm, aber in einem glücklichen Augenblick geboren, nicht wieder verloschen ist, sondern immer weiter um sich griff, so daß zu Beginn der Uhufinsteren Zeit (Verbot 1933) schon 270 deutschsprechende Reyche entstanden waren – heute sind es bereits 410-, das ist fast nicht erklärlich. Zur Zeit vereinigen 251 Vereine 11.000 Mitglieder. Die erstaunliche Entwicklung, die diese Idee genommen hat, muß zusätzlich so verstanden werden, daß die Schlaraffia nur und ganz allein durch sich selbst ge- wachsen ist, weil sie keine Verbindung mit der Umwelt und Öffentlichkeit anstrebt und ihre Mitglieder nach strengen Maßstäben selbst auswählt. Deshalb lassen gelegentliche mißgünstige Äußerungen von Außenstehenden die Schlaraffen unbeeindruckt, weil sie nur auf das Urteil der „profanen Welt“ nicht angewiesen sind. Diese darf wohl zusehen – die Schlaraffia ist ja kein Geheimbund -, aber ihre Kreise stören darf sie nicht. Jeder Schlaraffe läßt die profane Welt ausdrücklich hinter sich, wenn er über die Schwelle der Burg tritt und sich vor dem allweisen Uhu verneigt! Vor der Tür bleiben dann auch alle Geschäftsgespräche – die unbeliebten sogenannten Geschäftsschlaraffen stellen sich meist selbst sehr schnell außerhalb der festen Gemeinschaft, und draußen bleiben auch Politik und Religion. Wenn aber die Frage beantwortet werden soll, was denn nun eigentlich Schlaraffia ist, die sich aus der eingangs erwähnten Idee zu einer Allschlaraffia verdichten konnte, so mag grundsätzlich gesagt werden, daß sie natürlich keine Weltanschauung ist, sondern eine besondere Art von Lebensform. Schlaraffia ist ein geistiges Spiel, und dieses Spiel kann nur echt sein, wenn es ernsthaft gespielt wird. Dieses humorvolle und geistvolle Spiel, diese fröhliche, diesseits bezogene ritterliche Spiel mit Worten, Reden und Gegenreden vollzieht sich in einem streng vorgeschrieben- en äußeren Rahmen, festgelegt in dem schlaraffischen Gesetzbuch, dem Spiegel und Ceremoniale. Dieses Denk- spiel oder auch Mitdenkspiel bleibt weitgehend der metaphysischen Denkmöglichkeit des Einzelnen überlassen. Das heißt: Das Gehaltvolle innerhalb einer Sippung bestimmen die Schlaraffen selbst. Gleich anfangs im 1. Paragraphen des Spiegels steht vermerkt, daß die Schlaraffen in gleichgesinntem Streben die Pflege von Humor und Kunst unter gewissenhafter Beobachtung eines festgelegten äußeren Rahmens (Ceremoniale) bezwecken und daß ihr Hauptgrundsatz die Hochhaltung der Freundschaft ist. Diese schlaraffische Freundschaft erstreckt sich vorbehaltlos auf alle, die das Abzeichen der Schlaraffia, die weiße Rolandsnadel tragen, nicht in dem Sinne, daß man diesem vielleicht völlig unbekannten Freund sofort Herz und Seele öffnet, sondern daß man ihm mit gutem Willen entgegentritt, weil man mit völliger Sicherheit weiß, auch dieser Schlaraffe ist ebenso vorsichtig und behutsam aus- gewählt und hat die gleiche lange Prüfungszeit bestanden wie man selbst. Warum die Schlaraffen ihre wöchentlichen Zusammen- künfte, die nur im Winterhalbjahr stattfinden, „Sippungen“ nennen, liegt ebenso im Dunkeln wie der Name Schlaraffia selbst! Selbst Angehörige der gebildeten Stände bringen den Begriff Schlaraffia in verständlichem Denkprozeß mit dem bekannten gleich hinter den drei Weihnachtstagen beginnendem Schlaraffenland in Verbindung – nicht ahnend, wie nahe sie damit in übertragenem Sinne der Wahrheit kommen, wie weit sie aber gleichzeitig mit dieser Vorstellung von ihr entfernt sind.
Bei den abendlichen Sippungen werden „Fechsungen“ zu Gehör gebracht, Beiträge, die der eigenen Feder ent- stammen, oder natürlich auch musikalische und gesangliche Beiträge. Niemand braucht, besonders aus den Reihen der jungen Schlaraffen, Bedenken zu haben, er könnte nicht ankommen. Es ist gar kein Einzelfall, daß ein Vortragender, der den Sassen eine Fechsung auf hoher Ebene anbietet, sich damit nicht durchsetzen kann, während ein anderer, der aus seinem fröhlichen Schlaraffenherzen heraus sich ein Kunstwerk zurecht- gerückt hat, einen derartigen Beifall erhält, an den er auch im Traum nicht gedacht hat. Alle diese Fechsungen und Darbietungen werden von dem auf die Dauer eines Jahres gewählten Thron, der aus drei Rittern besteht, gewertet, gewürdigt und natürlich belohnt. Einer von diesen drei Rittern führt jeweils den Vorsitz als der Fungierende, und er ist für die Dauer dieser Funktion von Uhu, dem Symbol der Schlaraffen, erleuchtet und somit unfehlbar. Er wird auch nicht bei seinem Ritternamen, sondern mit „ Eure Herrlichkeit “ angeredet. Aber diese Herrlichkeiten müssen schon sehr aufpassen, um sich nicht plötzlich in die eigenen Nesseln gesetzt zu sehen, wenn in ihren wohl- gemeinten Reden und Ansprachen doch ein Haken gefunden wurde, an den man sich anhängen kann. So lebt innerhalb einer Sippung einer vom anderen. Und je wechselvoller und wechselseitiger dieses Spiel mit Rede und Gegenrede ist, desto gehaltvoller und niveaureicher verläuft naturgemäß eine solche Sippung, in deren Verlauf es auch nicht selten vorkommt, daß ein Ritter von einem anderen beleidigt fühlt und ihn mit einer – schlaraffisch konstruierten – Klage zum Duell fordert, das mit den geistigen Waffen des Humors auszutragen ist. Geistig geschärft nennt man ein Duell, wenn der Fungierende dazu ein Thema verordnet, das auf den Anlaß des Duells Bezug nimmt. Immer aber muß ein Schlaraffe die Gabe bewahren, über sich selbst lachen zu können. Sollte es vorkommen, daß sich jemand wirklich gekränkt oder beleidigt fühlt, dann hat er das Spiel nicht verstanden.
Da unser Allmutterreych Praga (Bilder Wappen und Burg) in der Allschlaraffischen Stammrolle noch immer, wie viele andere Reyche auch, als „Derzeit nicht bestehend” aufgeführt werden muß, ist der Allschlaraffenrat an ihre Stelle getreten, welcher die Schlaraffischen Landesverbände zusammenfaßt. Sonst aber hat er sich – und das ist wieder- um eine Besonderheit gegenüber sonstigen gesellschaftlichen Vereinigungen, die um ihren Weiterbestand gelegentlich bangen müssen – im Verlaufe von mehr als einem Jahrhundert innerhalb der Schlaraffia so gut wie nichts geändert. Das mag für die profane Welt erstaunlich sein, wer aber selbst Schlaraffe ist, weiß um die Quelle dieser Beständigkeit, und er kennt auch auf die eingangs andeutete Frage, warum dieser schlaraffische Gedanke einen so wundersamen und fast nicht erklärlichen Verlauf genommen hat, die Antwort!

© gefechst von weiland Rt Tantalos (209)